Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.

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Newsletter vom 10.07.2009 , 10:03

Titel: DHS-Newsletter 07-09 vom 10. Juli 2009


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

was lange währt, wird langsam gut: Der „Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie“ (WBP) hat im Dezember 2008 die Wirksamkeit der systemischen Therapie offiziell anerkannt. Dieser Anerkennung liegt ein umfangreiches Gutachten zugrunde. Den Hintergrund und die weiteren Aussichten für die Systemische Therapie als evidenzbasiertes Verfahren insgesamt haben Rüdiger Retzlaff et al. im Psychotherapeutenjournal 1/2009 übersichtlich und leicht lesbar dargestellt (Aspekte für den Bereich Sucht s. Seite 8).
Die besondere Wirksamkeit der Systemischen Therapie im Bereich der Substanzstörungen haben die beiden deutschen Dachverbände für Systemische Therapie (Deutsche Gesellschaft für Familientherapie/DGSF und Systemische Gesellschaft/SG) zum Anlass genommen, sich mit dem Arbeitsbereich „Sucht“ intensiver zu beschäftigen. Geplant ist die Gründung einer „Fachgruppe Sucht“ im September 2009, um den Austausch aller Fachkräfte in der Sucht- und Drogenhilfe zu intensivieren, die entweder bereits systemisch arbeiten oder sich für dieses Psychotherapieverfahren interessieren. Die geplante Fachgruppe wird sich auch mit der Entwicklung eines Curriculums für die Zusatzqualifikation Systemische Suchttherapie beschäftigen. Ziel ist es, für diese Zusatzqualifikation von der DRV-Bund die Anerkennung als geprüfte Weiterbildung im Sinne der „Vereinbarung Abhängigkeitserkrankungen“ vom 4. Mai 2001 zu erhalten.
Wer mehr über die anstehenden Aktivitäten wissen oder sich an der geplanten DGSF-Fachgruppe beteiligen möchte, wende sich bitte an Frau Schnelle (stellv. Vorsitzende der DGSF): helianeschnelle@aol.com oder info@dgsf.org.


Eurobarometer-Umfrage zum Thema „Tabak“

Der jüngsten Flash-Eurobarometer-Umfrage zufolge spricht sich eine überwältigende Mehrheit der EU-Bürger für rauchfreie öffentliche Räume wie Büros (84 %), Restaurants (79 %), Bars, Pubs und Clubs (65 %) aus. Diese Ergebnisse stimmen mit denen der 2006 durchgeführten Umfrage überein und bestätigen, dass die Strategien zur Schaffung rauchfreier Zonen in der EU große Zustimmung finden.
http://ec.europa.eu/health/ph_determinants/life_style/Tobacco/Documents/eb_253_en.pdf


Tabakzusätze im Visier

Zigaretten enthalten heutzutage üblicherweise eine große Anzahl extra beigefügter Zusatzstoffe von Zucker und Kakao bis hin zu Ammoniak (das viele aus dem Bereich der Katzentoiletten kennen). So kann der Rauch für „ungeübte“ Menschen leichter konsumierbar gemacht werden und, so ist anzunehmen, wird das Abhängigkeitspotenzial von Zigaretten drastisch erhöht. Genauere Erkenntnisse zu diesem Problem soll nun ein von der Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher der EU-Kommission beim Wissenschaftlichen Ausschuss „Neu auftretende und neu identifizierte Gesundheitsrisiken“ (SCENIHR) in Auftrag gegebenes Gutachten bringen. Das Gremium wird bis Juni 2010 Kriterien erarbeiten, die zur Einstufung eines Zusatzstoffes als suchtfördernd und/oder das Rauchen attraktiv machend herangezogen werden könnten, sowie die Rolle der Additive in Tabakerzeugnissen beleuchten. Lassen die Resultate Handlungsbedarf erkennen, so könnten sie in einen Vorschlag der EU-Kommission für eine Liste von in Tabakerzeugnissen zulässigen Zusatzstoffen einfließen. Was wir dringend hoffen.
Ansprechpartner:
Europäische Kommission, Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher, Ref. C/7, Risikobewertung, Katja Bromen (Adresse: 1049 Brüssel, Belgien, Tel. 0032/2/2985552, Fax 0032/2/2957332, E-Mail: sanco-scl-secretariat@ec.europa.eu, Internet: http://ec.europa.eu/health/ph_risk/committees/04_scenihr/scenihr_questions_en.htm.


Die Kosten des Alkohols

Eine neue internationale Studie, die in der renommierten Zeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde, bestätigt aufs Neue die immensen Krankheits- und Unfalllasten sowie die ökonomischen Kosten, die durch Alkoholkonsum entstehen. Die Studie von Prof. Rehm et al. quantifiziert die Mortalitäts- und Krankheitskosten, die dem Alkoholkonsum zugeschrieben werden, global und spezifisch für zehn Länder, u. a. Deutschland, USA, Indien, China und Russland. Demnach ist einer von weltweit 25 Todesfällen auf Alkohol zurückzuführen. In Deutschland liegt diese Rate, bedingt durch den hier extrem überdurchschnittlichen Konsum, noch deutlich höher.
(http://idw-oline.de/pages/de/news322947


Wolfram-Keup-Förderpreis

Der Bundesverband für stationäre Suchtkrankenhilfe e.V. vergibt den Wolfram-Keup-Förderpreis 2010 für die beste wissenschaftliche oder praxisorientierte Arbeit auf dem Gebiet der Entstehung und Behandlung von Missbrauch und Sucht.
Aus dem Nachlass des Projektes „Frühwarnsystem zur Erfassung von Veränderungen der Missbrauchsmuster chemischer Substanzen in der Bundesrepublik Deutschland“, das Professor Wolfram Keup initiiert und bis zu seinem Tod am 4. Januar 2007 geleitet hat, wird zur Erinnerung an den Stifter erstmalig der „Wolfram-Keup-Förderpreis“ öffentlich ausgeschrieben und vergeben. Einsendeschluss ist der 31. Oktober 2009, die Preisverleihung erfolgt im Rahmen der Jahrestagung im März 2010.
Alle Personen und Institutionen, die sich in der wissenschaftlichen Forschung oder der therapeutischen Behandlungspraxis mit den Themen Missbrauch und Sucht beschäftigen, sind aufgefordert, sich mit der Beschreibung von Untersuchungen oder Projekten um den „Wolfram-Keup-Förderpreis 2010“ zu bewerben. Die vorgelegten Arbeiten müssen sich mit der Entstehung oder der Behandlung von Missbrauch und Sucht (mit oder ohne Substanzbezug) beschäftigen. Dabei kann es sich beispielsweise um epidemiologische Untersuchungen, die Realisierung von Präventionsmaßnahmen oder die Erprobung von Behandlungskonzepten handeln.
Weitere Details sind den Ausschreibungsunterlagen zu entnehmen, die Sie auf der Internetseite www.suchthilfe.de finden.


Veranstaltungen

Für den 9. Sept. 2009 organisiert EUROCARE eine Konferenz im Europäischen Parlament zum Thema „Alkohol und Schwangerschaft“. Gastgeber der Veranstaltung ist das Schwedische Ministerium für Gesundheit und Soziales. Schweden hat in der zweiten Jahreshälfte 2009 die EU-Präsidentschaft und widmet einen Schwerpunkt seiner offiziellen Aktivitäten während dieser Zeit dem Thema Alkohol und Alkoholpolitik.
Der 9. September ist der Internationale Tag des alkoholgeschädigten Kindes. Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ist eine der Hauptursachen vorgeburtlicher Schädigungen und späterer Entwicklungsstörungen. Alkoholbedingte Schädigungen sind zu 100% vermeidbar!
http://www.eurocare.org/press/upcoming_events/alcohol_and_pregnancy_conference_9_september_brussels
http://www.dhs.de/makeit/cms/cms_upload/dhs/fasd_-_mit_fragebogen_-_din.pdf
dazu der Link zum online Fragebogen:
http://www.dhs.de/web/dhs_international/fragebogenfactsheet.php

1. Internationales Symposium zu Fetalen Alkoholspektrum-Störungen (FASD)
Fast 40 Jahre nach seiner Erstbeschreibung findet das Syndrom der Fetalen Alkoholspektrum-Störungen (FASD) Niederschlag in einer ersten internationalen FASD-Konferenz. Die Veranstaltung wird am 12. September 2009 in der Charité unter der Schirmherrschaft von Sabine Bätzing durchgeführt.
Zusätzlich findet am 11. September 2009 die jährliche Fachtagung von FASworld e.V. Deutschland statt.
Informationen finden Sie unter www.fasd-kongress.de bzw. unter www.fasworld.de.

In Deutschland ein (fast) esoterisches Thema, in Großbritannien zumindest in der Mitte der Migrations-Gesellschaft angekommen: Khat. Unter maßgeblicher Beteiligung britischer und deutscher ReferentInnen veranstaltet die European Science Foundation vom 5. bis 9. Oktober 2009 in Linköping (Schweden) eine große internationale Khat-Konferenz. Anmeldungen zu „Khat in a Changing World: Tradition, Trade and Tragedy“ sind möglich unter www.esf.org/conferences/09274.


AVerCa - Cannabis-Talk

Im April ging die Toolbox für Fachkräfte unter www.averca.de an den Start. AVerCa befindet sich damit aktuell in der Phase des Transfers und wird auf fünf Veranstaltungen in Deutschland vorgestellt. Wir möchten diese Gelegenheit nutzen, über den derzeitigen Erfahrungsstand hinsichtlich des Zugangs, der Interventionen sowie möglicher neuer regionaler Projekte mit Blick auf die Zielgruppe junger Cannabiskonsumenten/innen zu diskutieren. Daher haben wir die Einführung in die Toolbox um eine „Cannabis-Talk-Runde“ erweitert. Die erste Cannabis-Talk-Runde konnten wir Ende Juni in Münster sehr erfolgreich durchführen. Die vier folgenden Cannabis-Talk-Runden finden in Dresden (26.8.), Hamburg (27.8.), Mainz (2.9.) und München (3.9.) statt. Der genaue Programmablauf der einzelnen Veranstaltungen mit den jeweiligen Referenten/innen ist unter www.averca.de in der Rubrik News einsehbar. Weitere Informationen erhalten Sie von rummel@dhs.de.


Neue Homepage FreD

Mit dem Projekt „FreD - Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten“ erprobte die LWL-Koordinationsstelle Sucht im Jahr 2000 ein suchtpräventives Angebot für Jugendliche und junge Erwachsene, die erstmalig wegen des Konsums illegaler Drogen polizeilich auffällig geworden sind. Bis heute werden FreD-Trainerinnen und FreD-Trainer ausgebildet, FreD ist längst ein Klassiker zeitgemäßer Frühintervention.
Inzwischen präsentiert sich FreD mit neuer Homepage www.fred-projekt.de. Hier finden Sie neben allgemeinen Informationen zu FreD auch die aktuellen Kursausschreibungen.


Anhörung im Bundestag: Hohes Suchtpotenzial der gewerblichen Geldspielgeräte. Gesetzgeber in der Pflicht.

Am 1. Juli fand im Ausschuss für Gesundheit des Deutschen Bundestages eine Anhörung zum Thema „Prävention der Glücksspielsucht stärken“ statt. Hierbei waren zahlreiche Sachverständige aus unterschiedlichen Bereichen der Suchthilfe, der Forschung und von Seiten der Glücksspielanbieter vertreten.
Im Rahmen dieser Veranstaltung wurde von den Suchthilfeexperten die Gelegenheit konsequent genutzt, die Politiker deutlich auf das Spielsuchtrisiko aufmerksam zu machen, das von Geldspielautomaten in den bundesweit expandierenden Spielhallen und Gaststätten ausgeht. Es wurde deutlich: Geldspielgeräte sind keine Unterhaltungsangebote, sondern Glücksspielautomaten. Mit der Umwandlung von Geldbeträgen in ein Punktesystem ist es möglich, um deutlich höhere Beträge zu spielen als dies laut geltender Spielverordnung vorgesehen ist. Armin Koeppe (DHS) konnte insbesondere von den Erfahrungen aus dem laufenden Bundesmodellprojekt zur „Frühen Intervention beim Pathologischen Glücksspielen“ berichten. In fast allen am Projekt beteiligten Beratungsstellen hat sich die Anzahl Pathologischer Glücksspieler seit Projektbeginn massiv erhöht, z. T. mehr als verdoppelt. Von diesen Klienten/innen haben 85% ihre Glücksspielsucht aufgrund des Spiels an Geldspielautomaten entwickelt - und das zum Teil bereits als Minderjährige. Den Trend zu stark ansteigenden Klientenzahlen belegen auch parallel auf Ebene der Länder stattfindende Projekte. Damit wird eindrücklich das von den Geldspielgeräten ausgehende höchste Spielsuchtpotenzial belegt.
Vor dem Hintergrund des Spieler- und Jugendschutzes wurde von mehreren Experten ferner auf fehlende Eingangskontrollen beim gewerblichen Spiel hingewiesen - wirksame Maßnahmen, wie sie im Zuge der Umsetzung des Glücksspielstaatsvertrags bei den staatlichen Spielbanken gesetzlich vorgeschrieben sind.
Alternativ zu einer Beschränkung des Angebotes und dem Rückbau der derzeitigen Geldspielautomaten auf reine Unterhaltungsautomaten ohne Glücksspielcharakter - wie es u.a. der Fachverband Glücksspielsucht fordert - hat sich die DHS im Sinne einer wirksamen Prävention dafür ausgesprochen, dass zumindest auch Geldspielgeräte als Glücksspiel zu bewerten sind und endlich eine einheitliche bundesrechtliche Regelung getroffen wird. Sämtliche Stellungnahmen sind nachzulesen unter http://www.bundestag.de/ausschuesse/a14/anhoerungen/127/stllg/index.html


„Internet- und Computerspiele - Wann beginnt die Sucht?“ - Jahrestagung der Drogenbeauftragten

Nur zwei Tage nach der Bundestags-Anhörung zur Prävention der Glücksspielsucht stand das Thema Online- und Rollenspielsucht im Mittelpunkt einer Tagung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Sabine Bätzing.
Internationale Referenten/innen aus Korea, China und den USA, aber auch Experten/innen aus Praxis und der Forschung; Eltern spielsüchtiger Kinder und die Anbieter der im Mittelpunkt der Kritik stehenden Online-Rollenspiele bildeten den Rahmen der sehr gut besuchten Veranstaltung in Berlin.
Online-Sucht ist international weiterhin nicht als Krankheit anerkannt. Doch Forscher gehen davon aus, dass 3-4% der Jugendlichen in Deutschland täglich mehr als 4,5 Stunden am Computer spielen. Wesentliche Folgen dieses Rückzugs in virtuelle Welten sind der Verlust realer Sozialkontakte und die Vernachlässigung von Schule und Arbeit.
Vor diesem Hintergrund wird nicht zuletzt der Ausbau von Therapieangeboten und Forschungsexpertise gefordert.
Insbesondere die Experten aus Südkorea, einem Land, in dem Jugendliche überdurchschnittlich exzessiv die mitunter sehr gewalttätigen (und -fördernden?) Online-Rollenspiele ausüben, berichten, dass der Konsum bzw. die Anzahl der Abhängigen durch Öffentlichkeits- und Präventionsarbeit seitens der Regierung leicht abgenommen habe. Weitere Informationen und alle Vorträge finden Sie auf der Homepage der Drogenbeauftragten


Ausschreibung

Das Hessische Ministerium des Innern und für Sport schreibt die Durchführung einer Studie zum problematischen und pathologischen Glücksspiel aus (http://www.had.de/start.php?showpub=KCL279ZRA4SCCO8I). Die Studie soll vom 1. Oktober 2009 bis zum 30. September 2010 durchgeführt werden. Bewerbungen sind noch bis zum 15. Juli 2009 möglich.


Zu guter Letzt: Gute Nachrichten aus Russland

Mehrere Milliarden Dollar bzw. Euro Jahresumsatz sind bislang für die Geldspielgeräte-Industrie eine Selbstverständlichkeit. Dies gilt für Deutschland wie für Russland - und viele andere Länder - gleichermaßen. Den für eine große Zahl Betroffener ruinösen gesundheitlichen, sozialen und finanziellen Auswirkungen der allgegenwärtigen flackernden Inkassomaschinen hat die russische Regierung nun ein erfreulich deutliches Ende bereitet. Mit Ausnahme von vier abgelegenen Sonderregionen ist der Betrieb dieser Geräte, Casinos und Spielhallen seit dem 1. Juli untersagt. Da auch in der Ukraine das Glücksspiel unlängst verboten wurde, planen nach Medienberichten die auf dem russischen Markt bislang dominanten Großunternehmen eine Marktexpansion in Lukaschenkos Weißrussland. Der Diktator ist notorisch klamm und kann potente Freunde gut gebrauchen.


Angenehme Tage, einen schönen Sommer und erholsame Ferien wünscht Ihnen und Ihren Lieben

Ihr Dr. Raphael Gaßmann

Geschäftsführer
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.
Westenwall 4, 59085 Hamm
Tel: (02381) 90 15 - 0
Fax: (02381) 90 15 30