3.4 Klassifikationssystem ICF – Teilhabestörungen

Wesentliche Aspekte der „Internationalen Klassifikation für Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“ (ICF) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden in das SGB IX und damit in das deutsche Rehabilitationsrecht aufgenommen. Die ICF erfasst Teilhabestörungen im Bereich der körperlichen und seelischen Integrität, der Integrität von Aktivitäten und Leistung sowie der sozialen Integrität. Der ICF liegt ein erweitertes bio-psycho-soziales Modell zugrunde, das sich im Kontext der Klassifikationssysteme wie folgt entwickelt hat:

  • ICD 10 (biomedizinisch)
    Gesundheitsprobleme werden überwiegend in der ICD 10 (internationale
    Klassifikation der Krankheiten) klassifiziert.
  • ICIDH 1 (biosozial)
    1980 publizierte die WHO die internationale Klassifikation der Schädigungen, Fähigkeitsstörungen und Beeinträchtigungen (International Classification of Impairments, Disabilities and Handycaps).
  • ICIDH 2 (biopsychosozial)
    Sie zeigt bereits die Komplexität der Behinderung, benennt aber vorrangig die defizitären Komponenten und hat keine Ressourcenorientierung.
  • ICF (erweitertes biopsychosoziales Modell)
    Die ICF berücksichtigt zusätzlich zur Erkrankung den persönlichen und allgemeinen Kontext (Förderfaktoren und Barrieren) und macht die Funktionsfähigkeit des Menschen an seiner Teilhabe und seinen Aktivitäten fest.

Im Gegensatz zum bio-medizinischen Modell (ICD) wird in der ICF der Zustand der funktionalen Gesundheit einer Person als das Ergebnis der Wechselwirkung zwischen der Person mit einem Gesundheitsproblem und ihren Kontextfaktoren aufgefasst. Jede Beeinträchtigung der funktionalen Gesundheit wird in der ICF Behinderung genannt. „Behinderung“ ist damit keine Eigenschaft einer Person mehr, sondern hängt von dem Kontext ab, in dem ein Mensch lebt, d.h. es wird nicht die Person klassifiziert, sondern deren individuelle Situation.

Der ICF liegt ein Konzept der funktionalen Gesundheit zugrunde; danach gilt eine Person als funktional gesund, wenn

  • vor ihrem gesamten Lebenshintergrund (Konzept der Kontextfaktoren)ihre körperlichenFunktionen (einschließlich des geistigenund seelischen Bereichs) und ihre Körperstrukturenallgemein anerkannten (statistischen) Normen entsprechen (Konzept der Körperfunktionen und-strukturen),
  • sie all das tut oder tun kann, was von einem Menschen ohne Gesundheitsprobleme (ICD) erwartet wird (Konzept der Aktivitäten),
  • sie ihr Dasein in allen Lebensbereichen, die ihr wichtig sind, in der Weise und in dem Umfang entfalten kann, wie es von einem Menschen ohne gesundheitsbedingte Beeinträchtigungen der Körperfunktionen oder Körperstrukturen oder der Aktivitäten erwartet wird (Konzept der Teilhabe an Lebensbereichen).