Störung durch Computerspielen als neue ICD-Diagnose

Mit der endgültigen Verabschiedung des ICD-11 durch die Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2019 gehen zahlreiche einschneidende Veränderungen in der Klassifikation psychischer Störungen einher. Eine besondere Veränderung betrifft das Kapitel der Abhängigkeitserkrankungen. Wurden hier bislang ausschließlich Substanzabhängigkeiten aufgeführt, sieht das ICD-11 eine Erweiterung des Kapitels auch auf substanzungebundene Abhängigkeitserkrankungen (Verhaltenssüchte) vor. Neben dem bereits seit vielen Jahren bekannten Störungsbild des „pathologischen (Glücks-)spiels“ wird nun auch die „Störung durch Computerspielen“ („Gaming Disorder“) aufgeführt. Als diagnostische Merkmale werden die Vereinnahmung durch das Spielen von Computerspielen, der mit der Nutzung einhergehende und wiederkehrende Kontrollverlust sowie die Fortführung des Spielverhaltens trotz negativer Konsequenzen und eine damit einhergehende Abnahme des psychosozialen Funktionsniveaus beschrieben. Im Forum werden die Themen im Zusammenhang mit der Klassifikation von Computerspielen als Sucht näher vorgestellt und diskutiert. Hierzu werden Möglichkeiten der Diagnostik sowie klinischer Erfahrungswerte im Umgang mit verschiedenen Betroffenengruppen präsentiert.

Dr. Klaus Wölfling greift die kontroverse Diskussion, die seit der erstmaligen Beschreibung der „Computerspielsucht“ geführt wurde, auf. Kritiker*innen des Konzepts bemängeln entweder allgemein, dass eine Abhängigkeitserkrankung ausschließlich im Zusammenhang mit einer psychotropen Substanz angenommen werden könne oder dass die Nutzung von Computerspielen ein normatives Freizeitverhalten darstelle, welches durch eine Diagnose pathologisiert würde. Befürworter sehen die Entscheidung der WHO als gerechtfertigt an, da ein substanzieller Anteil unter Jugendlichen aber auch Erwachsenen ein suchtartig entgleitendes Verhalten aufweist und in vielen Fällen ein erheblicher Leidensdruck entsteht, der eine Behandlung notwendig macht.

Prof. Dr. Lutz Wartberg stellt die Aufnahme der Diagnose Gaming Disorder in das ICD-11 vor und die sich daraus ergebene Erfordernis zur Klärung weiterführender Fragen zur Diagnostik und Grenzen der Diagnosestellung. Die Neuaufnahme von "Störungen durch Computerspielen" als Krankheitskategorie erfordert insbesondere bei Jugendlichen die diagnostische Klärung "Sucht oder Entwicklungsstörung?". In diesem Zusammenhang stellen sich auch Herausforderungen in der Versorgung Betroffener. Die Schaffung bzw. Ausweitung von Strukturen, die inhaltliche (Weiter-)Entwicklung und Implementierung von Versorgungsangeboten sowie die spezielle Versorgung, zum Beispiel von Jugendlichen, zählen zu den Schwerpunkten.

Moderation
Dr. Kai W. Müller, Ambulanz für Spielsucht, Universitätsmedizin Mainz

Kontroverse Computerspielsucht – Wie begründet ist die Aufnahme in das ICD-11?
Dr. Klaus Wölfling, Ambulanz für Spielsucht, Universitätsmedizin Mainz

Computerspielsucht im Jugendalter - Wie begründet ist die Aufnahme in das ICD-11?
Prof. Dr. Lutz Wartberg, Medical School Hamburg