DHS Fachkonferenz

59. DHS Fachkonferenz SUCHT digital - „Suchthilfe: kommunal denken – gemeinsam handeln“

Die 59. DHS Fachkonferenz SUCHT „Suchthilfe: kommunal denken – gemeinsam handeln“ fand am 10. und 11. November 2020 coronabedingt als digitale Tagung statt. In Live-Vorträgen und einer Live-Podiumsdiskussion wurden diverse Problemlagen, Chancen und Lösungsansätze kommunaler Suchthilfe und Suchtprävention analysiert und diskutiert. Die Chatfunktion bot den 500 Teilnehmenden an beiden Konferenztagen die Möglichkeit, sich aktiv zu beteiligen.

„Wert der Suchtberatung – Funktionalität und Datenlage zur Wirkung“

Unter dem Titel „Wert der Suchtberatung – Funktionalität und Datenlage zur Wirkung“ stellte Prof. Dr. Rita Hansjürgens (Alice-Salomon-Hochschule, Berlin) im ersten Hauptvortrag der 59. DHS Fachkonferenz SUCHT zentrale Ergebnisse ihrer Forschung live vor. „Funktionalität von Suchtberatung in Bezug auf Effektivität lässt sich bereits jetzt datenbasiert zeigen“, so die Expertin. „Es macht sowohl aus der Sicht von Klient*innen als auch aus volkswirtschaftlicher (sozialer) Perspektive Sinn, Suchtberatungsstellen und vor allem Suchtberatung als Funktion und Struktur mindestens zu erhalten, besser ihr Potential weiter auszuschöpfen.“ Dazu brauche es vor allem eine gesicherte Finanzierung.
Vortrag von Prof. Dr. Rita Hansjürgens

„Zur Praxis der ambulanten Suchthilfe: „Schön, dass wir Sie (noch) erreichen können“

Michael Leydecker (Tannenhof Berlin-Brandenburg) informierte in seinem Live-Vortrag über die Praxis der ambulanten Suchthilfe. „Eine mit allen Ebenen abgestimmte Suchtpolitik fehlt“, so der Diplom-Psychologe. „Strukturelle Ungleichheiten in der Versorgung bestehen weiter.“ Die Praxis der ambulanten Suchthilfe stehe aktuell vor vielfältigen Herausforderungen, wie etwa der Veränderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen oder neuen Zielgruppen.
Vortrag von Michael Leydecker

„Suchthilfe vor Ort – teures Gut?“

Zum Thema „Suchthilfe vor Ort – teures Gut?“ diskutierten Martina Schu (FOGS GmbH, Köln), Janina Tessloff (Fachverband Drogen- und Suchthilfe e.V., Berlin), Frank Schulte-Derne (DG-SAS e.V., Münster) und Jörg Freese (Deutscher Landkreistag, Berlin) am zweiten Konferenztag live unter der Moderation von Wolfgang Rosengarten (Hessisches Ministerium für Soziales und Integration, Wiesbaden). Dabei wurde erneut deutlich, dass es notwendig ist, Möglichkeiten von Vernetzungen auf kommunaler Ebene aus dem Suchthilfebereich heraus aktiv mitzugestalten, damit adäquate Hilfen für Menschen mit Konsumstörungen weiter finanziert werden. Künftig sollte die Selbstdarstellung der Suchthilfe gegenüber der Öffentlichkeit und der Politik sowie die Imagepflege stärker in den Blick genommen werden. Zudem sei eine kritische Selbstreflexion der Suchthilfeeinrichtungen und –träger gefordert - mit dem Fokus darauf, eine optimale Versorgung für Betroffene und Hilfesuchende zu organisieren.

„Suchtbehandlung nicht ohne Suchtberatung“

Auf die vielfältige Funktion der Suchtberatungsstellen verwies Dr. Darius Chahmoradi Tabatabai (Vivantes Auguste Viktoria Klinikum, Berlin) in seinem praxisorientierten Live-Vortrag unter dem Titel „Suchtbehandlung nicht ohne Suchtberatung“ am zweiten Konferenztag. Er machte darauf aufmerksam, dass Gesundheit im Fokus marktwirtschaftlicher Anreize zu Konkurrenzsituationen führen könne. „Veränderungs- und Innovationsdruck müsste künftig ohne Wettbewerb erhalten werden, um einen sinnvollen Umgang mit den Ressourcen dauerhaft sicher zu stellen“, so der Mediziner.
Vortrag von Dr. Darius Chahmoradi Tabatabai

„Der Einfluss der Politik auf die kommunale Suchthilfe“

Doris Sarrazin, langjährige Leiterin der LWL Koordinationsstelle Sucht in Münster (jetzt i.R.), referierte zum Thema „Der Einfluss der Politik auf die kommunale Suchthilfe“. „Politik hat einen großen Einfluss auf die kommunale Suchthilfe! Dieser Einfluss muss aktiv mitgestaltet werden“, formulierte die Expertin als Fazit. Aus ihrer langjährigen Erfahrung heraus erweise sich neben anderen Faktoren z.B. ein lösungsorientiertes, transparentes und konkurrenzarmes Handeln aller Beteiligten als förderlicher Einfluss der Politik.
Vortrag von Doris Sarrazin

„Partizipation der Sucht-Selbsthilfe in kommunalen Suchthilfesystemen – mit Haltung und Struktur ans Ziel“

Weitere zentrale Aspekte der Thematik „Suchthilfe: kommunal denken – gemeinsam handeln“ wurden in zuvor aufgezeichneten Beiträgen eingehend beleuchtet. Für den Bereich der Sucht-Selbsthilfe stellte Frank Happel, Projektkoordinator beim Fachausschuss Suchtselbsthilfe NRW (FAS NRW), Partizipationsmöglichkeiten der Sucht-Selbsthilfe in kommunalen Suchthilfesystemen dar: Der FAS NRW arbeitet daran, die Teilhabe der Sucht-Selbsthilfe zu systematisieren und zu institutionalisieren. Dazu gelte es, Kooperationen zwischen haupt- und ehrenamtlichen Bereichen weiter gezielt auszubauen.

„Versorgung und Kooperation in der Suchthilfe kommunal steuern: Pflichtaufgabe oder freiwillige Leistung?“

Matthias Grölll, Psychiatriekoordinator beim Landratsamt Mittelsachsen, verdeutlichte  anhand eines Positionspapiers zu Qualitätsstandards und einer „Balanced Scorecard“ (Management-Instrument zur Potenzialmessung) für ambulante Suchtberatungsstellen, wie kommunales Denken und gemeinsames Handeln in der Suchthilfe gelingen können.
Vortrag von Matthias Gröll

„Kommunale Suchtprävention – im Netz viel erreichen“

Kommunen können Suchtprävention vor Ort zielführend gestalten. Darauf wies Helga Meeßen-Hühne, Leiterin der Landesstelle für Suchtfragen im Land Sachsen-Anhalt, in ihrem Vortrag hin. Hilfreich seien dabei qualitätsorientierte Weichenstellungen. Erfolgreiche Suchtprävention nutze einen Strategie-Mix, so die Referentin.

„Suchtkrank und wohnungslos – wie kann die Hilfe bedarfsgerecht erfolgen?“

„Suchtkrank und wohnungslos – wie kann die Hilfe bedarfsgerecht erfolgen?“. Mit dieser Frage setzte sich Sabine Bösing, stellvertretende Geschäftsführerin der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. (Berlin), auseinander. Sie erläuterte, wie bedarfsgerechte Hilfen an den Schnittstellen zwischen Suchthilfe und Wohnungslosenhilfe gestaltet werden können.

„Versorgung von Geflüchteten mit Suchtproblemen: Kommunal handeln? Gemeinsam Denken!“

Menschen mit Flüchtlingshintergrund sind besonderen Risiken ausgesetzt Suchtprobleme zu entwickeln. Das verdeutlichten Prof. Dr. Jutta Lindert (Hochschule Emden/Leer), Panagiotis Stylianopoulos (Charité – Universitätsmedizin Berlin), Laura Fischer (KatHO NRW, Köln) und Prof. Dr. Ingo Schäfer (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) in einem Gemeinschaftsvortrag. Die Expertinnen und Experten diskutierten Erfahrungen aus einem bundesweiten Netzwerk zu Suchtproblemen bei Geflüchteten (PREPARE-Verbund) und zeigten Herausforderungen, aber auch Chancen bei ihrer Versorgung auf.

„Substitution und kommunale Suchthilfe – Auf Dauer nur in Kooperation. Aus der Sicht eines niedergelassenen Allgemeinmediziners“

Ulrich Lauinger (Centrum für Erweiterte Allgemeinmedizin, Hamm) stellte aus Sicht eines niedergelassenen Allgemeinmediziners die Substitutionsbehandlung als eine der erfolgreichsten lebensverlängernden Behandlungen dar. Er verwies darauf, dass für eine umfassende langzeitige medizinische und psycho-soziale Versorgung der Betroffenen Kooperationen mit dem Suchthilfesystem notwendig seien. Diese ließen sich eventuell in einer Schwerpunktpraxis besser integrieren, regte der Mediziner an.

„Das Netzwerk Kommune – Chancen in der Suchthilfe“

Katja Wolf, Deutscher Städtetag (Berlin) gab in ihrem Kurzvortrag einige Einblicke, wie aus kommunaler Sicht mit den Themen Suchtprävention und Suchthilfe umgegangen wird. Es handele sich um eine Querschnittsaufgabe mit besonderen Herausforderungen, die multiprofessionell angegangen werden müsse.

Die DHS dankt allen Referentinnen und Referenten, der Vorbereitungsgruppe und den Teilnehmenden für ihr großes Engagement und ihr reges Interesse. Der Dank gilt auch dem Bundesministerium für Gesundheit und dem Ministerium für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg für die finanzielle Unterstützung.